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Heizungswende-Thriller: alte Wahlversprechen, hohe Preise, unsichere Zukunft

06 Aug

By: admin

Konjunktur

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Der Bestandsbau – und da  nur, aber wohl besonders der energetische Bestandsbau – befindet sich in einer zähen Marktphase. Besonders offensichtlich ist die negative Entwicklung auf dem Heizungsmarkt. Laut aktualisiertem Zensus wurden auch 2022 fast vier Fünftel der Heizungen fossil betrieben. Was hat sich der Gesetzgeber einfallen lassen, um diese Situation zu ändern? Im Endeffekt hat er die Samthandschuhe angelassen und sich bemüht, Anreize anstelle von Druck zu bieten: Die vielgeschmähte GEG-Novelle 2023 („Heizungsgesetz“ bzw. „Habecks Hammer“) nimmt funktionierende Heizungen im Bestand bis 2044 aus der Ersetzungspflicht aus und lässt selbst Reparaturen zu. Selbst die Verpflichtung, neue Heizungen mit mindestens 65 Prozent einzubauen, ist vergleichsweise technologieoffen formuliert, greift zunächst nur in Neubaugebieten und wurde bislang von umfangreichen und (gemessen an der sonstigen Budgetknappheit der Ampel) üppigen Fördermöglichkeiten begleitet. Dennoch meldet der Branchenverband der Heizungsindustrie BDH, dass der Absatz für Wärmeerzeuger im Jahr 2024 um 46 Prozent eingebrochen ist – freilich im Vergleich zu dem Rekordjahr 2023, das noch von dem Run auf Heizungen infolge der Gaskrise im Jahr 2022 geprägt worden war. Dennoch lag das erreichte Niveau von 712.500 abgesetzten Wärmeerzeugern gerade einmal über den Ergebnissen von 2016 – und ist damit für die Heizungsbranche von den Herstellern über den Handel bis zu den Verarbeitern ein herber Rückschlag. 

Der Artikel kurz zusammengefasst:
Der Heizungsmarkt ist 2024 um 46 Prozent bei den abgesetzten Heizungen auf das Niveau von 2016 eingebrochen und damit weit von dem Rekordergebnis 2023 entfernt. Als Hauptursache gilt der Attentismus in der Bevölkerung, nicht zueltzt aufgrund der Verknüpfung von Gebäudeenergievorschriften mit den vielerorts noch zu erwartenden kommunalen Wärmeplänen: Viele Heizungsbesitzer hoffen noch auf  Wärmenetze, die ihnen den Einbau einer teuren GEG-konformen Heizung ersparen sollen. Nicht zuletzt dürften die Preise auf dem Markt (70 Prozent Anstieg gegenüber 2020) viele Haushalte abschrecken. Im ersten Halbjahr 2025  setzte sich die rückläufige Tendenz fort (-22 Prozent), doch die Wärmepumpe überholt erstmals die fossilen Systeme. Allerdings lässt der neue Kurs im Wirtschaftsministerium erwarten, dass die nächste GEG-Novelle die erneuerbaren Anforderungen an Heizsysteme aufweichen wird, was eine Renaissance der Gasheizung mit sich bringen könnte, die in der Heizungsbranche schon aufgrund ihrer massiven Investitionen in grünes Heizen nicht einmal gern gesehen wäre – und vor der nicht nur Umweltverbände, sondern auch Verbraucherschützer warnen, da ab 2027 C02-Preise für Gebäudewärme auf die Haushalte umgelegt werden.   

Der Verband sah das Kommunikationsdesaster beim Gebäudeenergiegesetz (GEG) als Hauptursache für den Einbruch der Nachfrage vor allem bei Wärmepumpen (-46 Prozent). Auch die doch recht einmalig hohen Fördersätze von bis zu 70 Prozent konnten die Haushalte nicht überzeugen – vielerorts wird die GEG-Regulierung als Zwangsmaßnahme verstanden.

Ein weiterer Punkt, den der Verband anführt und der mit Sicherheit eine große Rolle spielt, ist die komplizierte Verknüpfung der kommunalen Wärmeplanung mit dem GEG, das deshalb je Kommune erst dann greift, wenn die kommunale Wärmeplanung (und damit möglicherweise kommunale Fernwärmeoptionen als Alternativen zum neuen Heizgerät) vorliegen. Viele Menschen, so die nahe liegende Vermutung des BDH, schieben das Thema Heizungsmodernisierung weiter auf die lange Bank, weil sie auf mögliche Angebote ihrer Kommunen warten.

Und dann gibt es noch einen Aspekt, der aber wohl ganz ideologieunabhängig zu den Hauptursachen gehört, sind die Preise, die in Deutschland nun einmal mit dem Einbau einer Wärmepumpe verbunden sind. Die Kombination aus Material- und Arbeitskosten führen nun einmal zu einer fünfstelligen Summe, die die Kosten der Routinetechnologie Gastherme locker verdoppeln – neue Daten der Verbraucherzentrale legen nahe, dass die Kosten für den Einbau aller Heizsysteme im Mai 2025 im Schnitt 70 Prozent teurer waren als fünf Jahre zuvor.

Zwar hat die Wärmepumpe aktuell noch den Vorteil der Förderung, der die Preisdifferenz um 10- bis 15.000 Euro ausgleichen kann. Allein erfolgreich Förderungen zu beantragen, scheint vielen Laien kompliziert (oder ist es oft genug auch tatsächlich). Dazu kommt, dass ein bloßer Tausch der Heizung in vielen Bestandsgebäuden nicht ausreicht, ohne nochmals in die Dämmung der Außenhülle zu investieren.

Vom Bettvorleger zum Durchstarter?

Die Kombination aus Einbaukosten, Komplexität der Aufgabe (es geht nicht nur um einen Kesseltausch, sondern um ein komplett neues Wärmekonzept für das Gebäude) und GEG-Chaos hat die Wärmepumpe im Bestandsbau vorerst zum Bettvorleger gemacht. Im ersten Quartal 2025 (zum Redaktionsschluss der Studie nachrichtlich auch im ersten Halbjahr) zeigte sich der gesamte Heizungsmarkt weiter deutlich rückläufig: und zwar um 32 Prozent zum Vorjahreszeitraum im ersten Quartal 2025 (bzw. um nachrichtlich 22 Prozent im ersten Halbjahr). Nun lässt sich dieser Rückgang bislang aber vor allem auf ein regelrechtes Abschmieren der Gas- und Ölheizungen im Vorjahresvergleich erklären, deren Absatzzahlen um die Hälfte nach unten rauschten. Wärmepumpen konnten dagegen wieder zu 35 Prozent mehr abgesetzt werden als im ersten Quartal 2024 (bzw. 55 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2024).

Von wolkigen Wahlversprechen und laxem Interesse an Klimaschutz

Um eine Heizungswende auszurufen (wie es die gebeutelte Heizungsbranche selbstredend tut) könnte es aber noch zu früh sein. Denn der Rückgang bei den Gasheizungskäufern hat auch den Grund, dass die Möglichkeiten zum konventionellen Kesseltausch mit dem neuen Gesetz in einigen Gegenden bereits eingeschränkt sind. Zudem waren die unbedingten Anhänger der fossilen Heizsysteme schon 2023 und 2024 bemüht, sich schnell noch einen frischen Kessel einbauen zu lassen, der noch 20 Jahre laufen kann. Dieser Teil der Kundennachfrage ist nun erst einmal gesättigt.

Die Wärmepumpen-Fans aus ökologischer Überzeugung wiederum, die schon 2022 und 2023 Nägel mit Köpfen gemacht und so den damaligen Wärmepumpe-Boom ermöglicht haben, sind fürs Erste wohl ebenfalls schon bedient. Welche Kunden sind noch übrig? Die große Mehrheit der mutmaßlichen Heizungspragmatiker.

Dass nun wiederum ein großer Teil dieses geschrumpften Heizungstauscher-Kundensegments sich in den ersten Monaten von 2025 für Wärmepumpen entschieden hat, dürfte auch mit der simplen Sorge vor einem vorzeitigen Ende der großzügigen Förderbedingungen zu tun haben, die man sich schnell noch sichern will, wie die steigenden KfW-Antragszahlen im bisherigen Verlauf von 2025 illustrieren.

Unter Minister Robert Habeck hat das Wirtschaftsministerium den Eindruck nie ganz loswerden können, als Energieministerium eigentlich eine Art Filiale des ebenfalls grün regierten Umweltministeriums zu sein. Seit dem Regierungswechsle hat das Haus dieses spezielle Imageproblem unter Ministerin Katherina Reiche (CDU) ganz gewiss nicht mehr.

Bislang ist die Politikerin vor allem als Fürsprecherin von Atomkraft und Gas aufgefallen. Zudem spricht sie sich zusammen mit Bundeskanzler Friedrich Merz dafür aus, die deutschen Klimaschutzambitionen für 2045 fünf Jahre weiter in die Zukunft zu vertagen. Das mag für einen großen Teil der Gesellschaft angesichts der akuten wirtschaftlichen und politischen Krisenherde ein legitimer Ansatz sein – in diese Richtung werden zumindest Umfragen gedeutet, wonach Klimaschutz in der Wahrnehmung der Bevölkerung nicht mehr zu den obersten Prioritäten zählt.

Für eine gesamte Branche, die auf die Wärmewende als ihren Beitrag zur Klimaneutralität gesetzt und diesen zugleich zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hat, ist dieser Paradigmenwechsel an der Spitze jedenfalls alles andere als erfreulich, so groß die Nähe vieler Wirtschaftsvertreter zur konservativen Volkspartei auch ansonsten traditionell sein mag. Wenig erfreut sind deshalb die meisten Verbände über die Ankündigung der Wirtschaftsministerin, dem CDU-Wahlversprechen gemäß das „Heizungsgesetz abzuschaffen“. Das Hauptübel, das dem Gesetz angekreidet worden ist – es führt zu Attentismus – setzt sich so weiter fort.

Da hilft es wenig, dass verschiedene Gerüchte die Runde machen – unter Berufung auf Insiderinformationen heißt es etwa, die SPD habe sich mit dem Vorschlag einer weiteren GEG-Novelle durchgesetzt, bei der die CDU ihre Vorschläge einer technologieoffenen Regulierung als Reform einbringen könnte. Die Klimaschutz-kriterien würden dann künftig durch die Hintertür dazu kommen: Eine erneuerbare Heizung rechnet sich dann, wenn die C02-Preise steigen (also mutmaßlich ab 2027, wenn der Preis für Verkehrs- und Gebäudeemissionen direkt im europäischen Emissionshandel geregelt werden soll).

Wenn die nächste GEG-Novelle also tatsächlich „technologieoffen“ sein soll, müsste die zu-65-Prozent-erneuerbar-Bedingung unweigerlich fallen, die aktuell im Gesetz steht. Damit wäre die fast um die Hälfte billigere Alternative Gasheizung aber wieder auf dem Markt. Was passiert, wenn nun unsere große Kundengruppe der Pragmatiker diese Option wieder nutzen kann, muss man sich kaum ausmalen.

Damit wäre zwar dem Klima und langfristig auch den Kunden wenig gedient – die Kosten für fossiles Heizen dürften mit den C02-Preisen künftig stark steigen. Der Preis für CO2-Emissionen lag 2024 bei 45 Euro pro Tonne. Diese Kosten werden auf die Endverbraucher umgelegt, wirkt also direkt auf die Preise für fossile Brennstoffe. Ab 2027 wird die nationale CO2-Steuer vom EU-Emissionshandel abgelöst und auf die Energieverbräuche privater Haushalte ausgeweitet: Ein Anstieg auf 200 bis 300 Euro pro Tonne CO2 bis 2030 sind dann aus Sicht von Instituten schon so gut wie vorgezeichnet.

Spätestens, wenn 2027 der EU-Emissionshandel die Preise für Gebäude und Verkehr regelt, wird also eine markante Verteuerung von Öl und Gas erwartet. Dazu dürften die geltenden EU-Vorgaben im Rahmen des Green Deals im nächsten Jahrzehnt wohl eine erneute Kehrtwende zu den Erneuerbaren erzwingen. In der Zwischenzeit wäre der Heizungsmarkt wieder ans Laufen gekommen. Aufschlussreich ist jedenfalls die im Juli 2025 erschienene Stellungnahme des SHK-Handwerkverbands ZVSH, der sich für Pragmatismus und Technologiefreiheit auf dem Heizungsmarkt ausspricht. Wie technologieoffener als in der aktuellen Form könnte die GEG-Regulierung werden, wenn nicht einfach die 65-Prozent-Schranke gekippt wird?

Strompreise wirken als fatales Signal

Eine weitere politische Rahmenbedingung, die für die gestiegenen Wärmepumpenabsätze im bisherigen Verlauf von 2025 mit verantwortlich sein dürften, ist die von der neuen Regierung ursprünglich angekündigte Senkung der Stromsteuer für Verbraucherhaushalte – ein Versprechen, dass den Haushalten zum einen mehr Luft für Investitionen zu lassen schien und zum anderen das Heizen „mit Strom“, wie Wärmepumpen-Heizen zum großen Verdruss der Ingenieurinnen und Ingenieure landläufig genannt wird, attraktiver machte. Doch dieses Wahlversprechen erwies sich kurz vor der Parlaments-Sommerpause als nicht finanzierbar.

Rein rechnerisch wäre die Entlastung der Haushalte wohl ohnehin vergleichsweise gering ausgefallen – dennoch kann allein die Symbolwirkung der gestrichenen Entlastung fatale Folgen auf das Ausgabeverhalten der Verbraucher haben. Sollte dazu noch aus Spargründen die Förderung im laufenden GEG gestrichen oder gekürzt werden, droht wieder Stillstand. Bereits Ende Juli 2025 deutet sich an, dass die Gelder für die energetische Gebäudesanierung im Bundeshaushalt bereits 2026 gesenkt werden sollen.

Diese Nachricht ist schon unerfreulich genug – dabei ist noch nicht einmal klar, wie die Mittel konkret eingesetzt werden, solange das Gebäudeenergiegesetz (GEG) noch nicht novelliert worden ist. Doch wahrscheinlich ist es der Branche lieber, wenn die Neuregulierung des GEG rasch erfolgt. Ähnlich wie die EU-Exportwirtschaft den im Juli ausgehandelten, einseitig unvorteilhaften Zoll-Deal mit den USA der monatelangen Ungewissheit zuvor vorzieht, würde wohl auch die deutsche Heizungsbranche im Zweifelsfall klare Verhältnisse gegenüber den wolkigen und mehrdeutigen Ankündigungen der letzten Monate bevorzugen.

 

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