By: Alexander Faust
Bauprozesse
Ein Gastbeitrag von Wulf von Borzyskowski
Ein Gebäude wird über Jahrzehnte genutzt, verändert und irgendwann um- oder zurückgebaut. Die Angaben zu seinen Bauteilen begleiten es jedoch häufig nicht über denselben Zeitraum. Bei einer Sanierung muss deshalb oft neu ermittelt werden, welches Produkt wo eingebaut wurde, welche Eigenschaften es hat und welche Unterlagen dazu noch verfügbar sind.
Der digitale Produktpass (DPP) soll Produktinformationen standardisiert zugänglich machen. Das zentrale EU-Register ist seit Juli 2026 in Betrieb. Für Bauprodukte stehen die konkreten Anforderungen an den Produktpass jedoch noch aus. Für die Bauwirtschaft ist deshalb jetzt eine praktische Frage interessant: Wie lassen sich Produktdaten bei Planung, Bau und Betrieb eines Gebäudes tatsächlich nutzen?
Produktdaten brauchen einen Platz im Gebäude
Ein Produktpass beschreibt ein Produkt. Ein digitales Gebäudemodell zeigt unter anderem, welche Bauteile an welcher Stelle vorgesehen sind. Beides miteinander zu verknüpfen, klingt naheliegend, ist in der Praxis aber anspruchsvoll. Ein Datensatz über ein Fassadenelement beantwortet noch nicht automatisch die Frage, welche Ausführung tatsächlich an einem bestimmten Ort verbaut wurde.
Angenommen, für einen Fassadenabschnitt wird während der Ausführung ein anderes Element eingesetzt als ursprünglich geplant. Bleibt diese Änderung nur in einer Bestellung oder einer E-Mail festgehalten, zeigt das Gebäudemodell später womöglich weiterhin die ursprüngliche Variante. Selbst wenn beide Produkte digital dokumentiert sind, lässt sich dann nicht ohne Weiteres erkennen, welcher Datensatz zum eingebauten Element gehört.
Deshalb müssen Angaben über die Übergänge zwischen Planung, Herstellung und Ausführung hinweg eindeutig zugeordnet und Änderungen dokumentiert werden. Die Herausforderung liegt darin, die Produktdaten mit dem tatsächlich Gebauten zu verbinden. Erst dann können sie auch später zuverlässig genutzt werden.
Was die digitale Vorfertigung bereits zeigt
Bei All3 bilden digitale Gebäudemodelle auf Bauteilebene die Grundlage für die Planung und automatisierte Vorfertigung einzelner Komponenten. Die im Modell erfassten Merkmale fließen in die nachfolgenden Arbeitsschritte ein. Das zeigt, worauf es bei einem durchgängigen Datenfluss ankommt: Angaben zu einem Bauteil müssen so aufbereitet sein, dass sie in der nächsten Prozessstufe weiterverwendet werden können.
Der künftige Produktpass ist dabei nicht mit einem Gebäudemodell oder einer Fertigungsanweisung gleichzusetzen. Er könnte jedoch eine zusätzliche Informationsquelle für Bauprodukte sein. Entscheidend wäre, die Daten so einzubinden, dass die Beteiligten sie nutzen können, ohne sie an jeder Schnittstelle erneut übertragen oder eingeben zu müssen.
Das erfordert gemeinsame Datenformate und klare Zuständigkeiten. Wer pflegt welche Angabe? Welche Daten stammen vom Hersteller, welche kommen bei Planung und Einbau hinzu? Und wie lässt sich Jahre später erkennen, ob ein Datensatz noch den tatsächlichen Zustand beschreibt? Diese Fragen sind mindestens so wichtig wie die technische Verfügbarkeit.
Der Nutzen zeigt sich oft erst Jahre später
Während der Bauphase stehen Termine, Qualität und die Abstimmung der Gewerke im Vordergrund. Bei einer späteren Wartung oder Sanierung ändern sich die Fragen. Dann interessiert beispielsweise, welche Eigenschaften ein verbautes Element hat, ob es ausgetauscht werden kann und welche Materialien darin enthalten sind. Bei einem Rückbau kann eine verlässliche Dokumentation helfen, Möglichkeiten zur Wiederverwendung zu prüfen.
Ein digitaler Produktpass allein liefert dafür noch keine vollständige Antwort. Er muss einem konkreten Bauteil im Gebäude zugeordnet werden können; auch spätere Änderungen müssen nachvollziehbar sein. Ohne diese Verbindung bleibt selbst ein gut dokumentiertes Produkt für die Menschen, die Jahrzehnte später mit dem Gebäude arbeiten, schwer auffindbar.
Unternehmen können sich darauf bereits heute vorbereiten, ohne die noch ausstehenden Detailanforderungen für Bauprodukte vorwegzunehmen. Ein Anfang ist, den eigenen Datenfluss zu prüfen: Welche Angaben liegen digital vor? Wo werden sie erneut eingegeben? An welcher Übergabe geht die Zuordnung zu einem Bauteil verloren?
Der digitale Produktpass bietet die Chance, Produktinformationen länger nutzbar zu machen. Ob daraus ein Vorteil für die Baupraxis wird, zeigt sich an den Schnittstellen zwischen den Beteiligten – und daran, ob die Daten auch nach der Fertigstellung noch zum richtigen Bauteil führen.
Über den Autor
Wulf von Borzyskowski ist Geschäftsführer von All3 Construction Germany. Das Unternehmen verbindet digitale Gebäudemodelle auf Bauteilebene mit der automatisierten Vorfertigung von Bauteilen. Von Borzyskowski beschäftigt sich mit der Frage, wie Daten Planung, Herstellung und Ausführung im Bauprozess besser miteinander verbinden können.stellung und Ausführung im Bauprozess besser miteinander verbinden können.
