By: Alexander Faust
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Am 2. April 2025 wurde der 5. digitale VHV-Bautag des führenden deutschen Bau- und Kreditversicherer live aus dem Unternehmenssitz der VHV Versicherungen in Hannover übertragen. Erreicht wurden über 1.200 angemeldete Teilnehmer aus der Bau-, Architektur- und Immobilienbranche, die sich bequem vor dem PC aus erster Hand über die aktuellen Entwicklungen; Herausforderungen und Zukunftstrends in der Bauwirtschaft informieren konnten. So ermöglichten eine Diskussionsrunde und Fachvorträge von Brancheninsidern einen Blick hinter die Kulissen der aktuellen baupolitischen Pläne und Positionen. Themen wie z. B. die Entwicklung der Baukosten und Zinsen, Fachkräftemangel und Strukturwandel oder die praktische Nutzung von KI (bzw. ihre rechtlichen Hürden) sorgten für einen informationsgeballten Vormittag, ergänzt durch unsere eigenen Studienergebnisse zu Bau-Zukunftstechnologien. Das Fazit der Veranstaltung finden Sie hier (bzw. einen Link zum Nach- oder Nochmalgucken für alle, die es genauer wissen wollen).
Der Artikel kurz zusammengefasst:
Auf dem 5. Digitalen VHV-Bautag gaben Vertreter aller 4 Spitzenverbände der Bauwirtschaft sowie eine Runde von Experten Einschätzungen zu den aktuellen politischen, strukturell-wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen ab, die die Bauwirtschaft 2025 und darüber hinaus prägen. Begrüßt wurde die Verabschiedung des Sondervermögens, von dem bis 2037 bis zu 300 Milliarden Euro für Bau- und Infrastrukturinvestitionen abfallen könnten. Der Infrastrukturbau profitiert nach Einschätzung der Experten, problematisch bleiben aber die Perspektiven für den Wohnungsbau, auf den sich die höhere Staatsverschuldung tendenziell zins- und inflationstreibend auswirkt. Dringend angeraten werden eine Vereinfachung, bundesweite Vereinheitlichung und Deregulierung von Normen und bürokratischen Verfahren. Zudem wurden die Potenziale von Zukunftstechnologien wie Serialität und KI in den Blick gerückt.
Volles (digitales) Haus mit rund 1.000 Teilnehmern: Aufzeichnung online
Unter dem Dach der VHV-Versicherung fand am 2. April 2025 bereits zum 5. Mal ein Bautag als digitale Remoteveranstaltung für die Bau- und Immobilienbranche statt. Nach Angaben des Bauversicherers waren rund 1.200 Personen aus Branchen wie Immobilienwirtschaft, Bauindustrie und Bauhandwerk, Planung und Architektur als Teilnehmer angemeldet.
Die technischen Auswertungen der Veranstaltung widerlegen im Nachgang nebenbei die gängigen Vorurteile gegen das angeblich fehlende Publikumsinteresse bei Webinar-Formaten: Im Livestream blieben demnach konstant 950 Teilnehmende im Stream bei der Stange (ca. 800 bis ganz zum Schluss) – und das Ganze wohlgemerkt über gut 4 ½ Stunden und insgesamt 12 Beiträge (die übrigens hier in voller Länge für ein Jahr online zur Verfügung stehen).
Ein gutes Dutzend an Themen, doch fast alles dreht sich um den Elefanten im Raum
Das Sondervermögen von 500 Milliarden Euro und die Baupolitik der kommenden Legislaturperiode, die sich in den zum Bautags-Zeitpunkt noch gleichzeitig in Berlin laufenden Koalitionsverhandlungen abzeichneten, ist aktuell die zentrale Weichenstellung für die Baubranche. Da war es fast schon zwangsläufig, dass in fast allen Teilen der Veranstaltung früher oder später darauf Bezug genommen werden musste.
Das galt bereits für das VHV-Grußwort durch Moderator und bauwirtschaftlichen VHV-Vertriebsdirektor Dirk Schattenhofer und VHV-Vertriebsvorstand Dr. Angelo O. Rohlfs und im Anschluss noch mehr für die Diskussionsrunde der Spitzenverbände zu den Forderungen der Bauwirtschaft an die Politik, die von Michael Halstenberg (BMVBS-Leiter der Abteilung Bauwesen a. D.) geleitet wurde. Aber das Thema Sondervermögen ließ sich auch im Vortrag von ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa zu den baupolitischen Prioritäten nach der Wahl, in der Diskussion zu den Möglichkeiten des seriellen Bauens durch Hauptverbands-Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller und selbst noch in der Einschätzung zu Zinsentwicklung und künftiger Finanzierbarkeit von Immobilien durch VHV-Vorstand Kapitalanlagen Ulrich Schneider nicht umgehen.
Und sonst noch? Bürokratieabbau, demografischer Knick und Digitalisierungspraxis
Für das ebenfalls dauerpräsente Thema Bürokratieabbau plädierte nochmals besonders Bundesarchitektenkammer-Bundesgeschäftsführer Dr. Tillman Prinz, der für das liebste Projekt der Architektenvertretung eine Lanze brach: den Gebäudetyp E als Mittel zu mehr Ressourcenschutz. Einen sorgenvollen Blick in die zukünftigen Strukturen und Konzentrationsprozesse im demografisch gebeutelten Ingenieurwesen richtete Bundesingenieurskammer-Hauptgeschäftsführer Martin Falenski.
Dem Thema KI und Bau-Digitalisierung widmeten sich die übrigen Fachbeiträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Aus der Entwickler-Praxis zeigte Capmo-Geschäftsführer Florian Biller auf, wie effizienteres Nachtragsmanagement dank integrierter Bauprozesse möglich wird.
Die Nutzung cloudbasierter künstlicher Intelligenz in der Kalkulation von Bauaufträgen stellten Prof. Dr. Ralf-Peter Oepen und Vice-President Johannes Gunkel von der BRZ Deutschland vor, während Prof. Dr. jur. Günther Schalk von TOPJUS Rechtsanwälte Kupferschmid & Partner mbB die baurechtlichen Möglichkeiten und Grenzen von KI aufzeigte. Alexander Faust von BauInfoConsult legte abschließend zentrale Ergebnisse einer europäischen Studie zur Nutzung von Bau-Zukunftstechnologien durch Architekten dar.
Zentrale Ergebnisse der Veranstaltung
Alles in allem konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer vor den PC-Bildschirmen nach dem Zuklappen des Laptops also so einiges an Erkenntnissen nach Hause tragen. Hängen geblieben sein dürften vor allem die folgenden Einschätzungen und Erkenntnisse:
- Das Sondervermögen wird von der gesamten Baubranche einhellig begrüßt – hat aber auch einen bitteren Beigeschmack. Gewarnt wird einhellig von einer nicht verantwortungsbewussten Nutzung von schuldenfinanzierten Mitteln durch die Politik für kurzfristige ,nicht investitionsgebundene Zwecke.
- Für die Bauwirtschaft (Infrastrukturbau und Wohnungswirtschaft gleichermaßen, Deutsche Bahn abgerechnet) dürften von den 500 Milliarden Euro 300 Milliarden übrigbleiben. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren ist das bei Licht betrachtet gar nicht mehr so viel, wenn man die Größe der Aufgabe bedenkt (rückläufige Wohnraumversorgung und überalterte Straßen- und Brückeninfrastruktur bei gleichzeitig sinkender Fachkräfteanzahl).
- Während das Sondervermögen dem Infrastrukturbau nur nutzen kann, hat die höhere Staatsverschuldung mittel- und langfristig wohl zusätzliche inflations- und zinserhöhende Folgen für den Hochbau.
- Zu den unbedingt erwarteten Maßnahmen durch die neue Regierung zählt daher ein Maßnahmenbündel zum Bürokratieabbau, über das sich zumindest die Branchenvertreter einig sind: Neue Planungsverfahren für die öffentliche Hand sollen Projekte schneller auf den Weg bringen. So sollten z. B. Genehmigungen im Brückenersatzneubau beschleunigt werden.
- Auch bei den bereits erzielten Fortschritten mahnen die Bauexperten zu einer folgerichtigen Vereinheitlichung: So reicht es z. B. nicht, dass in einigen Landesbauordnungen Typengenehmigungen für serielles Bauen aufgenommen worden sind. Um auf dem Markt Wirkung zu zeigen, muss es erst bundesweit geltende Regelungen geben: Ohne flächendeckende Einsetzbarkeit ist der Einsatz modularer oder serieller bauten für Investoren nicht skalierbar und bleibt weiter in den Kinderschuhen stecken.
- Positiv wird (zumindest von den Bauverbänden und Planern) auch die aktuell von den Koalitionären favorisierte Idee angesehen, das GEG erneut fundamental umzubauen und statt konkreter Vorgaben zu (Heiz-)Technologien und das ganze Gebäude in den Blick zu nehmen, indem die CO2-Gesmtbilanz die entscheidende Rolle spielen soll.
- Grundsätzlich merken gerade die Bauverbände an, dass aufgrund des Auftragsrückgangs seit 2022 nur ca. 70 Prozent der Branchenkapazitäten ausgelastet sind – die aktuellen Bauaufgaben wären also aus Sicht der Verarbeiter durchaus zu bewältigen.
- Ein kritischer Punkt für die Baukapazitäten, den viele vielleicht nicht auf dem Schirm haben, ist allerdings die fortschreitende Verrentung der Babyboomer-Jahrgänge. Nachrichtlich gibt es einige mittelständische und größere Bauunternehmen und Planungsbüros, deren Geschäftsführung angesichts der Auftragsflaute versucht sein könnte, den Betrieb ganz zu schließen bzw. an Wettbewerber zu verkaufen, statt die Mühe auf sich zu nehmen, eine Nachfolge aufzubauen, die zunächst erst einmal durch die für 2025 und 2026 noch zu erwartende Auftrags-Durststrecke kommen müsste.
Die Folge eines geballten Betriebsaufgabetrends wäre eine deutliche Kapazitätsabsenkung am deutschen Bau. Umso wichtiger ist es aktuell daher für Politik wie Branchenakteure, positive Signale zu setzen: Die Bauaufgaben für die nächsten Jahre (und damit auch die Umsatzperspektiven) sind enorm und dürften nach der zu erwartenden Durstrecke im Neubau aufgrund der jüngsten Genehmigungsrückgänge noch in der laufenden Legislaturperiode zu erhöhter Geschäftstätigkeit am deutschen Bau führen.
