Wirtschafsinstitute erwarten Rezession und Wohlstandseinbußen

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Vor allem die Zuspitzung auf den Gasmärkten belastet die deutsche Wirtschaft deutlich: Die drastische Erhöhung der Energiekosten entziehen der Gesamtwirtschaft auf allen Ebenen Kaufkraft. Dennoch erwarten die Wirtschaftsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten für das laufende Jahr noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts aufgrund der noch günstigen Entwicklung zu Jahresbeginn. Für 2023 ist die lange gefürchtete Rezession aber aus Expertensicht nicht mehr aufzuschieben. Was bedeutet das für die Gesamtwirtschaft allgemein und die Bauwirtschaft im Besonderen? Wir haben die Kernthesen der Prognose zu diesen Themenbereichen für Sie zusammengefasst

BIP-Erwartungen für 2022 halbiert
Wenn die Wirtschaftsprognosen dieser Tage im Vergleich mit den Vorjahren etwas gemeinsam haben, dann vor allem ihre immer kürzere Gültigkeit: So haben die Wirtschaftsinstitute ihre Prognose im Gemeinschaftsgutachten gegenüber dem gerade einmal knapp sechs Monate alten Frühjahrsgutachten um eine Wirtschaftsleistung von stattlichen 160 Milliarden Euro weniger halbiert und erwarten aktuell gerade noch einen Zuwachs von 1,4 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt.

Die Begründung für die unerwartet stärkere Eintrübung der Konjunktur ist im Gutachten ziemlich monokausal: Die reduzierten bzw. ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland haben die Versorgung erheblich unsicherer gemacht, die Preise für Energie und Strom bereits im Sommer stark angetrieben und bringen die Unternehmen dazu den Verbrauch (und damit die Produktion) herunterzufahren.

Die Versorgungslage bleibt aus Sicht der Institute auch weiter angespannt, was langfristig zu einem permanent höheren Gas- und Strompreis und so auch permanentem Wohlstandsverlust führen dürfte.

Der Konsum ist durch die hohen Energie- und Lebensmittelpreise weiter eingeschränkt. Kaufkraftschwache Haushalte und auch viele Unternehmen werden infolgedessen zunächst auf staatlicher Hilfe angewiesen sein. Welche Rettungsanker bleiben der Wirtschaftsleistung da noch? Aus Sicht der Institute stabilisiert der Arbeitsmarkt die Konjunktur am ehesten: Auch wenn die konjunkturelle Schwäche die Unternehmen davon abhalten wird, ihr Personal in großem Stil aufzustocken, werden sie doch bestrebt sein, ihre Arbeitskräfte zu halten.

Insgesamt rechnen die Institute mit einer Rezession in 2023, die sich in einem Rückgang des BIPs um 0,4 Prozent niederschlägt, bevor 2002 wieder ein Anstieg von 1,9 Prozent möglich scheint.

Die Preise gehen hoch, die Bauinvestitionen zurück
Noch zu Beginn des Jahres wurden die Bauinvestitionen ausgeweitet: Ein milder Winter sorgte für einen idealen Jahresauftakt. Doch im zweiten Quartal verpuffte der Effekt schnell: Die unmittelbaren negativen Folgen des Ukrainekonflikts (vor allem auf die Energiepreise) gesellten sich zu bereits länger bestehenden strukturellen Problemen wie Fachkräftemangel, Lieferengpässen bei der Materialbeschaffung und einem Immobilienmarkt mit erschöpften Kapazitäten, der sich ebenfalls in den Preisen niederschlägt.

Die hohen Preise sorgen sektorübergreifend für Stornierungen von Aufträgen – eine Entwicklung, die sich bereits im Fertigstellungsergebnis für 2021 anzudeuten scheint. Die Institute gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte 2022 verstärkt in einem Rückgang der Bauinvestitionen niederschlagen wird, zumal der Post-Corona-Auftragsüberhang, von dem viele Betriebe lange zehrten, bald aufgebraucht sein dürfte.

Wohnungsbau zunächst weniger betroffen, doch nur etwas weniger
Vor allem aus dem Ausbaugewerbe kommen positive Signale für die Investitionen im Wohnsektor: Die Energiekrise sorgt definitiv für eine hohe Nachfrage nach energetischen Sanierungen. Vor allem die schwächere Entwicklung von Neubau, Auftragszahlen und die ungewöhnlich hohen Stornierungsraten sowie die zunehmend pessimistischen Geschäftserwartungen im Baugewerbe lassen jedoch darauf schließen, dass die Investitionen in Wohngebäude ab der zweiten Jahreshälfte deutlich schwächeln.

Die steigenden Effektivzinsen (Juli 2022: +2,8 Prozent zum Vorjahresmonat) sowie die sinkenden Realeinkommen der inflationsgebeutelten Verbraucher erschweren auch langfristig die Finanzierung von Wohnvorhaben. Insgesamt werden die Wohnbauinvestitionen deshalb laut Prognose in diesem Jahr um 1,8 Prozent und 2023 um weitere 1,7 Prozent zurückgehen. Erst 2024 scheint ein teilweiser Ausgleich möglich (+1,9 Prozent).

Gewerblicher Bau: noch ein paar Treppenstufen tiefer in den Keller
Die bereits angeschlagene Dynamik im gewerblichen Bau nimmt im zweiten Halbjahr ebenfalls nochmals stärkere Ausmaße ab: Die konjunkturelle Abkühlung im verarbeitenden Gewerbe schränkt auch die Bautätigkeit der Unternehmen ein. Alles in allem ist mit einem Minus von 4,3 Prozent im Jahr 2022 und weiteren 2,0 Prozent in 2023 zu rechnen. Erst ab 2024 kann laut Prognose wieder Wachstum zum Vorjahr erzielt werden (+2,7 Prozent).

Öffentlicher Bau profitiert möglicherweise von den Budgetplanungen
Auch im öffentlichen Bau dürften laut Prognose die Bauinvestitionen im laufenden zweiten Halbjahr durch Preissteigerungen sowie Personal- und Materialmangel weiter zurückgehen. Insgesamt hat der öffentliche Bau mit dem 2020 verabschiedeten Investitionspaket noch ein paar Asse im Ärmel: Investitionen in den Breitwandausbau, den Neu- und Umbau von Kindertagesstätten sowie Klimaschutzförderungsmaßnahmen haben das Potenzial, die Bauinvestitionen 2022 kurzfristig leicht zu steigern (+0,2 Prozent). Allerdings wird es laut Prognose aufgrund des Preisauftriebs 2023 auch hier zu einem Rückgang um 3,4 Prozent kommen, bevor 2024 wieder eine Ausweitung von 3,5 Prozent zu erwarten ist.

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