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Von 24 auf 30 Prozent: Fertigteilbaunutzung wächst in Europa, doch das Adaptionstempo bleibt gemütlich

28 Apr

By: Alexander Faust

International / Marktchancen

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Vom Grundprinzip gibt es Fertigteilbau in der Baubranche schon über 60 Jahre, als das „big next thing“ im Bauwesen werden Prefab-Lösungen indes seit den frühen Zehnerjahren angepriesen. Zusammen mit den anderen beiden großen Entwicklungen – Digitalisierung und Nachhaltigkeit, so die Idee, sollen Fertigteile, serielle und modulare Ansätze künftig am Bau den Ton angeben. Auf dem Papier sieht es in der Tat nach einer runden Sache aus: mehr Arbeiten schon vor der Baustelle erledigt haben, die Prozesse mehr standardisieren, mit weniger Arbeitskräften mehr produzieren. Wie sieht es nun aber mit der Adaption auf Seiten der Branchenakteure aus? In unseren europäischen Monitor-Langzeitstudien haben wir die Integration von Prefab-Ansätzen in die Arbeitspraxis der Betriebe seit 2018 regelmäßig untersucht. Unser aktuelles Fazit: Die Adoption verläuft langsamer als erwartet und hält bei Weitem nicht mit dem Druck auf die Branche Schritt, ihre Produktivität deutlich zu steigern. Warum kommt diese Entwicklung nicht schneller voran? Und wie sieht die Perspektive bis 2030 aus? Die Analysten der USP ordnen ein.

Der Artikel kurz zusammengefasst

USP-Langzeitmessungen seit 2018 zeigen: Die Anwendung von Prefab bei Branchenakteuren in Europa wächst kontinuierlich, aber langsam. Gängig ist vor allem die Nutzung von einfachen vorgefertigten Komponenten – der Anteil modularer Systeme an der gängigen Praxis liegt bislang bei einem Siebtel. Bislang wird vor allem im Low-Rise-Segment Fertigteilbau eingesetzt. Gemäß den Erwartungen wird durch mehr Prefab im Geschoss- und Hochhausbau jedoch künftig die Skalierung zunehmen. Gründe für das bislang eher zähe Wachstum sind die individuellen Projektanforderungen im Neubau, die Dominanz der Sanierung , die regional unterschiedlichen Regulierungsanforderungen in Europa sowie die noch nicht erreichten Produktivitätsgewinne. Die Marktanteile der Fertigteilbauprojekte dürften bis 2030 ein Drittel des Projektvolumens erreichen, aber solange Prefab-Projekte nicht als vollständig optimierte Prozesse werden, wird das Segment weiter wachsen, aber den Markt nicht dominieren.  

Fertigteilbau-Adoption wächst, aber kaum – ein Blick in die Statistik

Die Europa-Monitorstudien der USP Marketing Consultancy zeigen: Bei Architekturbüros in Europa ist die eigene Nutzung von Fertigteilbauanwendungen in Projekten von 24 Prozent im Jahr 2018 auf 30 Prozent im Jahr 2025 gestiegen, wobei die Erwartung bis 2030 auf 39 Prozent taxiert wird. Das Prefab-Segment ist also zweifellos auf der Wachstumsspur.

Doch bislang fällt es real weniger schnell aus als in all den Jahren von den befragten Architektinnen und Architekten prognostiziert: Die eigenen Prefab-Erfahrungen in der Architekturszene weisen ein eher gemächliches Tempo auf.

Bauunternehmen noch zurückhaltender

Die Prefab-Involvierung der Bauunternehmen fällt etwas weniger überzeugend aus: Die Fertigteilnutzung lag 2018 bei 32 Prozent, sank dann 2024 auf 24 Prozent erholte sich 2025 demgegenüber nur leicht erholt ( auf eine Anteil von 27 Prozent). Die Erwartung für 2030 liegt bei 35 Prozent – damit wären wir nur etwas weiter als vor acht Jahren.

Lücke zwischen Erwartung und Prefab-Realität

Die Entwicklung geht unbestritten nach oben. Erlauben Sie uns trotzdem, etwas Wasser in den Wein zu kippen: Die deutliche Lücke zwischen Erwartung und Umsetzung zeigt uns: Für etwas, das gern als bahnbrechender Wandel bezeichnet wird, bewegt sich der Fertigteilbau auf dem europäischen Kontinent immer noch im allmählichen Schneckengang. Doch was verstehen die Bauakteure überhaupt darunter, wenn sie von ihren Erfahrungen mit und ihren Erwartungen an „Fertigteilbau“ sprechen?

Was genau wird als Prefab konkret realisiert und inwiefern revolutioniert es das Bauen?

„Fertigteilbau-Anwendungen“ kann vieles meinen – und der größte Teil der gängigen Prefab-Praxis trägt beileibe nicht viel zu dem Anspruch bei, das Bauen in Europa komplett neu zu denken.

Im Jahr 2025 waren etwa 51 Prozent der Fertigteilnutzung in den europäischen Kernmärkten noch vorgefertigte Basisemente – die Art von Komponenten also, die die Umsetzung von Projekten nicht grundlegend verändern, sondern in „konventionellen“ Bauprojekten auch ihren platz finden. Gemessen am Prefab-Anspruch einer Baurevolution nützlich, aber nicht bahnbrechend: Sie machen Teile der Arbeit einfacher, nicht den gesamten Prozess besser.

Panelisierte Systeme hatten Ende der Zehnerjahre mehr Gewicht und verlieren jetzt an Boden, von 39 auf 35 Prozent.

Modulare Systeme – im Grunde also das, worüber viele eigentlich sprechen, wenn sie Fertigteilbau als generelle Lösung für den zukünftigen Bau sehen  – legen zu, aber wieder langsam, von 11 Prozent im Jahr 2019 auf 15 Prozent im Jahr 2025. Ein wirklicher Durchbruch sieht anders aus

Prefab expandiert also generell schon, tendiert aber immer noch stark zu weniger anspruchsvollen Anwendungen. Was industrialisiertere, systemorientierte Ansätze betrifft (man denke an Konzepte wie plattformbasierte Bausysteme oder vollständig integrierte Offsite-Produktion): Auch sie gewinnen an Boden, aber nicht schnell genug, um den gängigen Bauansatz (sprich: massiv, fast vollständig vor Ort auf der Baustelle) abzulösen.

Prefab in der Komfortzone (Low-Rise)

Auch die Anwendungsfälle im Hochbau zeigen: Prefab konzentriert sich vor allem dort, wo die Anwendung „am einfachsten“ ist. Schauen Sie sich den Niedrigbausektor an. Im Jahr 2025 befanden sich 72 Prozent der Fertigteilbauprojekte der befragten europäischen Akteure in Gebäuden mit bis zu vier Stockwerken. Mit weniger Variablen, weniger Komplikationen und einem nachsichtigeren Standardisierungsprozess bleibt das also in der Komfortzone der Betriebe.

Aber Prefab kann die Branche nur verändern, wenn mehr Komplexität gewagt wird. Niedrigbauprojekte haben ihren Platz, aber das größere Problem der europäischen Wohnnachfrage lässt sich damit nicht lösen: Der Skalieren von Wohnraum in Mittel- und Hochhäusern ist das Entscheidende. Und bis 2030 wird erwartet, dass der Low Rise-Anteil an den Prefab-Projekten auf 49 Prozent sinkt, der mittelgroße Anteil von 16 auf 25 Prozent steigt und der Hochhausmarkt von 4 auf 12 Prozent. Dort werden wir also bedeutende Bewegungen sehen.

Die Absicht ist da. Die Erwartung ist definitiv da. Aber auch hier wird es eher ein allmählicher Aufstieg als ein Schub sein. Da stellt sich also eine Frage:

Warum geht es nicht schneller voran?

Niemand würde es Ihnen übelnehmen, wenn Sie fragen würden, warum Fertigbau nicht schneller skaliert, wenn er doch so sinnvoll erscheint. Die Antwort ist ebenso einfach wie komplex: Weil die Branche nicht darauf ausgelegt ist. Es gibt nicht nur ein Hindernis, sondern mehrere. Und sie bedingen sich gegenseitig.

  1. Komplexität gewinnt

Bekanntlich steht Fertigbau im Kern für industrielle Wiederholbarkeit. Doch im Bauwesen ist Wiederholung selten. Individuelle Entwürfe, komplexe Formen und Einzelanfertigungen sind nach wie vor die Norm für viele Projekte, und ihre Besonderheiten lassen sich nicht ohne Weiteres in eine standardisierte Produktion übertragen.

  1. Sanierung ist für Prefab die falsche Art von Wachstum

Sanierungen dominieren derzeit das europäische Marktgeschehen. Soweit, so gut Das Problem dabei: Sie harmonieren nicht gut mit Fertigbauweise. Jedes Gebäude ist anders, jede Einschränkung einzigartig. Man arbeitet mit bestehenden Strukturen, nicht mit einem unbebauten Grundstück. Das schränkt ein, wie viel Arbeit verlagert werden kann. Im Grunde genommen bleiben die Arbeiten manueller und stärker von Arbeitskräften abhängig. Serielle Ansätze für die Sanierung gibt es zwar auch, doch lassen sie sich noch nicht in der Breite anwenden.

  1. Regulierung

Bauwesen ist eine der am stärksten regulierten Branchen in Europa, und das ja auch aus gutem Grund (Sicherheit, z. B.). Aber Regulierung und Innovation sind nicht immer gleich schnell. Verschiedene Länder bedeuten unterschiedliche Regeln, die zu unterschiedlichen Genehmigungsverfahren führen. Das macht Standardisierung schwieriger als nötig. Anstatt ein System über mehrere Regionen zu skalieren, müssen Unternehmen oft anpassen, neu entwerfen oder neu zertifizieren, was wiederum Zeit kostet und den Schwung zerstört.

  1. Produktivitätsgewinne

Vorfertigung verspricht Effizienz, aber erst im großen Maßstab – und das ist eine heikle Angelegenheit. Viele Vorfertigungsanlagen befinden sich auf halbem Weg, sie arbeiten zwar mit Fortschritten, aber noch nicht vollständig industrialisiert. Das bedeutet:

  • begrenzte Standardisierung
  • inkonsistente Arbeitsabläufe
  • geringere Effizienzgewinne.

Die Produktivitätssteigerungen sind also nicht stark genug, um eine breite Akzeptanz zu erzwingen. Und ohne diesen Anstoß geht es nur langsam voran.

Warum hat die Fertigbauweise noch nicht die vollständige Industrialisierungsstufe erreicht?

Die Herstellungsweisen haben sich nicht durch einzelne Innovationen verändert. Die Transformation in der Industrie erfolgte erst, als diese Innovationen Prozesse, Produktion und Skalierung aufeinander abstimmten. Diese Synchronisierung nennen wir heute Fließbandfertigung.

Im Bauwesen ist dies noch nicht der Fall. Fertigteilbau wird oft als Lösung auf Komponentenebene betrachtet (bessere Wände, bessere Module, bessere Elemente), doch was wirklich fehlt, ist ein vollständig optimierter Prozess mit:

  • wiederholbaren Designs
  • integrierten Lieferketten
  • standardisierter Produktion
  • planbarer Montage

Solange diese Bausteine nicht ineinandergreifen, wird die Fertigbauweise zwar weiter wachsen, aber nicht die gesamte Branche dominieren.

Was bedeutet das für das große Ganze?

Das Thema Prefab ist mehr als eine technische Frage. Unser Thema knüpft direkt an die aktuellen Themen der Branche an: Es herrscht Fachkräftemangel, Projekte werden immer komplexer und Zeitpläne geraten unter Druck. Fertigteilbau könnte diesen Druck verringern durch:

  • Reduzierung des Personalbedarfs vor Ort
  • Beschleunigung der Lieferungen
  • Stabilisierung der Qualität

Doch wenn die Skalierung ausbleibt, bleiben diese Vorteile begrenzt … und der Druck bleibt bestehen.

Ausblick auf Fertigteilbau bis 2030

Die Richtung ist klar, auch wenn das Tempo nicht mitspielt: Der Fertigteilbau wird weiter wachsen. Architekturbüos erwarten bis 2030 einen Anteil von 39 Prozent, Bauunternehmen 35 Prozent.

Der Baumix wird sich hin zu mehr Modulbauweise, mehr Mittel- und Hochhäusern und weniger Abhängigkeit von Standardelementen verschieben. Doch das allein wird nicht viel ändern. Damit Fertigbau sich durchsetzen kann, muss er zur Standardlösung werden. Daher sollten wir uns darauf konzentrieren, von Anfang an auf Fertigteilbauweise zu setzen, die Regulierung an industrialisierte Prozesse anzupassen und in Skalierung statt nur in Kapazitäten zu investieren.

Fazit

Einfach ausgedrückt: Der Fertigteilbau entwickelt sich nicht schnell genug, um die Probleme, die er lösen soll, zu bewältigen. Die Akzeptanz steigt, die Erwartungen sind höher und die Argumente dafür sind überzeugender denn je.

Doch aktuell hinkt er noch hinterher, denn echte Transformation entsteht durch den Aufbau eines Systems, in dem die Projektabwicklung zum neuen Standard wird. Und Europa ist noch nicht so weit. Höchstwahrscheinlich bleibt alles erst mal so, wie es ist… eine gute Idee, die stetig wächst, ohne dass man das gängige Konzept komplett umkrempelt.

 

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