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Coronakrise und Bauwirtschaft: diese Maßnahmen fordert die Branche

Die Coronakrise verändert derzeit die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Deutschen im Schnellverfahren und wirbelt auch die Abläufe und wirtschaftlichen Perspektiven in der Baubranche gehörig durcheinander. Gerade die zahlreichen kleinen und mittelständischen Betriebe am Bau sind in einer schwierigen Situation: Zahlreiche Aufträge liegen auf einen Schlag auf Eis. Überhaupt wird die ganze Bautätigkeit in den nächsten Wochen wohl nicht völlig zum Erliegen kommen, aber doch starken Einschränkungen unterworfen sein. Wie schätzt die Branche die Lage ein und welche konkreten Maßnahmen erwartet sie von der Politik? Eine Auswahl aktueller Stellungnahmen finden Sie hier zusammengefasst.

Handwerkermesse, Fensterbau Frontale, SHK Essen, IFH und viel mehr … die zahlreich gestrichenen Messetermine der vergangenen Wochen waren nur die ersten Vorboten einer Baukonjunkturdelle, die täglich an Dynamik gewinnt. So erwarten fast zwei Drittel der Firmen im Maler- und Lackiererhandwerk in den nächsten Wochen kurzfristig auf Liquiditätshilfen angewiesen zu sein, so eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands Farbe Gestaltung Bautenschutz unter seinen Mitgliedsbetrieben.

Beispiel Malerhandwerk: Viele Firmen sind auf Liquiditätshilfen angewiesen
Wie die Malerbetriebe berichten, stornieren nicht nur die Auftraggeber aus Industrie, Gastgewerbe und Messebau ihre Aufträge. Auch viele Privatkunden lassen derzeit die Handwerker erst gar nicht mehr ins Haus. Und nicht zuletzt sind auch die Mitarbeiter der Handwerksbetriebe selbst in ihren Handlungsspielräumen eingeschränkt: Wegen der Schulschließungen müssen manche zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben, andere haben selbst Ausgangssperre: Mehr als jeder zehnte Betrieb meldet dem Verband Mitarbeiter in Quarantäne zu haben.

In den kommenden Wochen erwarten die befragten Malerbetriebe alles in allem Umsatzeinbußen von 47 Prozent – und das bei fortlaufenden Lohnkosten. Auch den anderen Gewerken dürfte es kaum besser ergehen (die Ergebnisse unserer eigenen Konjunkturbefragungen in verschiedenen Gewerken werden in einigen Wochen vorliegen).

Gehen die Konjunkturhilfen der Regierung weit genug?
Die eilig beschlossenen Hilfsmaßnahmen der Politik werden daher von der Branche dankend angenommen– am wichtigsten wohl die versprochenen Liquiditätshilfen und das erleichterte Kurzarbeitergeld inklusive erstatteter Sozialbeiträge für die ausgefallenen Stunden. Allerdings gibt es bei der Umsetzung noch Nachbesserungsbedarf, so Wirtschaftsexperten und die Verbände der Bauwirtschaft.

In einem Positionspapier fordern führende Wirtschaftsinstitute wie ifo, IKM, IW Köln, das Kieler Institut für Weltwirtschaft und das CEPR die Regierung darüber hinaus zu weitergehenden Maßnahmen auf. Für das Kurzarbeitergeld inklusive Sozialbetragserstattung gibt es von den Professoren zwar zunächst ein Fleißkärtchen für die Politik: Dadurch könnten Unternehmensinsolvenzen und Entlassungen verhindert werden, loben die Ökonomen – und dadurch habe die Konjunktur eine Chance Produktion und Konsum nach Abflauen der Infektionswelle wieder hochzufahren.

Bei den Liquiditätshilfen sehen die Institute aber Nachbesserungsbedarf. Es gelte vor allen Dingen den Unternehmen schnell und kurzfristig zu helfen, die aktuell mit Produktionseinbrüchen oder Umsatzeinbußen zu kämpfen haben. Kreditangebote der KfW für Liquiditätshilfen seien daher zwar sinnvoll, aber wohl nicht ausreichend.

Als kurzfristige Instrumente, um den Betrieben unter die Arme zu greifen, betrachten die Konjunkturforscher etwa zinsfreie Stundungen von Voraus- und Nachzahlungen bei Einkommens-, Körperschafts- und Umsatzsteuer. Auch verbesserte Abschreibungsbedingungen, mehr Großzügigkeit bei Investitionsabzug und steuerlichen Verlustrücktrag schwebt den Ökonomen vor.

Teufel Verstaatlichung, um den Beelzebub wirtschaftlicher Schockwellen zu vertreiben?
Angesichts sinkender Börsenkurse und möglicher internationaler Verwerfungen bei der Realwirtschaft sehen die Institute die Gefahr eines Angebots- und Nachfrageschocks. Um dieses Schreckensszenario zu bannen, sind die per se eher wirtschaftsliberalen Institute offenbar bereit so manche Kröte zu schlucken: Zwar betont das Positionspapier den bloß vorübergehenden Charakter, den alle Kriseninterventionsmaßnahmen aus ihrer Sicht haben sollten.

Dennoch empfehlen sie bei einer Verschärfung der Lage der Politik als „letztes Mittel“ ausdrücklich sich mit staatlichem Eigenkapital an den Betrieben zu beteiligen. Das würde im Grunde auf eine teilweise Verstaatlichung der Firmen hinauslaufen – doch wäre das natürlich in der Umsetzung aufgrund der großen Zahl der kleinen und mittelständischen Unternehmen mit weitaus höherem Aufwand verbunden als bei der Bankenrettung 2008/2009.

Sind die bestehenden Hilfsangebote für die Handwerksfirmen und Bauunternehmen praktikabel?
Die Stellungnahmen der Branchenverbände konzentrieren sich vor allem auf die praktische Umsetzbarkeit der bestehenden Maßnahmen. So rechnet der Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz aufgrund seiner Mitgliederumfrage schon in den kommenden vier bis sechs Wochen mit einer durchschnittlichen Liquiditätslücke von 50.000 Euro pro Betrieb. Auch mit innerbetrieblichen Gegenmaßnahmen wie veränderten Abläufen sowie Urlaubs- und Arbeitskostenabbau allein kommen die Betriebe unter diesen Umständen nicht weit.

Es sei daher entscheidend, dass die Liquiditätshilfen sofort ankommen. „Das Geld muss in wenigen Tagen nach Antragstellung auf dem Konto sein“, so die Forderung von Verbands-Hauptgeschäftsführer Mathias Bucksteeg. Der Verband verlangt daher einen raschen Abbau der bürokratischen Hürden.

Auch bei der Beantragung von Kurzarbeit und Steuerstundungen dürfe die Antragsstellungsprozedur nicht länger dauern als die Liquidiität der Handwerksbetriebe reiche, mahnt Bucksteeg weiter und verweist auf die Befürchtungen von 47 Prozent der Maler, die laut Verbandsbefragung Kurzarbeit beantragen wollen, aber zugleich auf unbürokratischere Maßnahmen angewiesen sind. Denn mit Urlaubs- und Arbeitskostenabbau allein kommen die Betriebe unter Umständen nicht weit.

Mehr Handlungsspielraum für kleine und mittelständische Betriebe gefordert
Auch Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) mahnt die Regierung den Betrieben der Bauwirtschaft in der Krise mehr Ellbogenfreiheit zu gewähren: Die höchste Priorität  müssen aus ZDB-Sicht gezielte Detailmaßnahmen sein, um die Liquidität der Unternehmen sofort zu sichern. Groß angelegte Pläne für umfangreiche Konjunkturprogramme müssten demgegenüber in den Hintergrund treten.

Neben der Annullierung der vorfälligen Sozialversicherungsbeiträge fordert der ZDB mehr Flexibilität beim Steuerrecht. Ideal wäre demnach z. B., wenn die Umsatzsteuer erst dann fällig wird, wenn der Betrag vom Kunden tatsächlich beglichen wurde. Aufgrund der leider üblichen Zahlungsverzögerung am Bau ist diese Forderung ganz konkret praktisch gedacht und naheliegend. Nicht zuletzt fordert auch der ZDB mehr Flexibilität bei der Gewährung von Krediten durch KfW und Bürgerschaftsbanken sowie die Einführung von Schnellverfahren bei den Kreditanträgen, um zusätzlich Liquidität zu sichern.

Publiziert im März 2020