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Euroconstruct-Prognose 2022: Europas Baumärkte stagnieren, Deutschland rutscht ins Minus

Die meisten aktuellen Bauprognosen gehen von einer Fortsetzung des Baubooms aus. Die jüngsten Euroconstruct-Einschätzungen für die europäische Bauwirtschaft fallen dagegen merklich verhaltener aus: Mit einem Wachstum von im Schnitt 1 Prozent verabschiedet sich der Bauboom der Vorjahre demnach bis 2022 langsam, aber sicher in Richtung Stagnation. Auf dem deutschen Markt rechnen die Forscher sogar mit einem durchwachsenen Rückgang. Warum das europäische Forschungsnetzwerk die rosarote Brille abgenommen hat und welche Wachstumsraten für die verschiedenen Länder veranschlagt werden, erfahren Sie hier. 

Westeuropa: Bauwachstum trübt sich ein, insbesondere in Deutschland und Frankreich
Das Bauvolumen in den 15 westeuropäischen Euroconstruct-Mitgliedstaaten hat in den Jahren 2018 (+2,6 Prozent) und 2019 (+2,0 Prozent) noch solides Wachstum verzeichnen können. Laut Erwartung der Euroconstruct-Institute wird das Wachstum allerdings in den nächsten Jahren zunehmend geringer: So erwarten die Baukonjunkturforscher 2020 ein westeuropäisches Gesamtwachstum von 1,1 Prozent. Ein derart niedriges Wachstumsniveau wird auch noch für 2022 veranschlagt (+1,0 Prozent).

Neben geringerem Wachstum in den meisten Ländern tragen auch erkennbare Rückgänge in einigen Ländern zu der niedrigeren Prognose bei, das betrifft zumal Deutschland, den größten europäischen Baumarkt (mit rund 352.800 Millionen Euro Bauvolumen laut Euroconstruct-Schätzung für 2019). Hier wird 2020 mit einem Minus von 0,6 Prozent gerechnet. Die negative Tendenz soll auch 2022 noch anhalten (Erwartung: -0,7 Prozent).

Dieser Pessimismus der Euroconstruct-Prognose kontrastiert scharf mit den vom DIW Berlin veröffentlichten optimistischen Wachstumserwartungen für die kommenden Baujahre in Deutschland. Aber auch auf dem ähnlich gewichtigen Baumarkt Frankreich (2019er Bauvolumen: ca. 228.000 Millionen Euro) sieht Euroconstruct ähnlich schwarz und rechnet zwischenzeitlich mit Verlusten beim Bauvolumen (Prognose 2021: -0,8 Prozent).

Osteuropa: Stagnationskater nach der Boomlaune?
In Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn, den vier osteuropäischen Staaten im Euroconstruct-Netzwerk, betrug die gemeinsame Wachstumsrate 2018 noch +12,8 Prozent und 2019 ebenfalls noch beachtliche +7,3 Prozent. So beeindruckend diese Zuwächse sind, muss man allerdings im Hinterkopf behalten, dass die vier Märkte zusammengenommen nur ein wenig größer sind als beispielsweise das niederländische Bauvolumen.

Allerdings ist auch in Osteuropa laut Euroconstruct-Prognose in den nächsten Jahren nicht mehr mit stärkeren Impulsen am Bau zu rechnen: So soll die osteuropäische Bauwirtschaft 2020 noch einen Bauvolumenzuwachs von 3,7 Prozent erzielen, der aber in den Folgejahren immer mehr in Richtung Stagnation abdriften dürfte (Prognose für 2022: +0,7 Prozent).

Die eher verhaltene europäische Erwartung der Euroconstruct-Institute hat vor allem mit den verschlechterten ökonomischen Aussichten zu tun. Zwar geht Euroconstruct von keinem Einbruch der globalen Konjunktur aus, rechnet aber auch nicht unbedingt mit mehr als 1 bis 2 Prozent Wachstum bei der Weltwirtschaft in den Jahren bis 2022. Dementsprechend erwarten die Institute, dass die Investitionen im gewerblichen Hochbau und im Tiefbau deutlich heruntergefahren werden. Zwar bleibt der Tiefbau weiter ein besonders wichtiger europäischer Markt, doch der Wachstumselan ist laut Euroconstruct erst einmal dahin.

Neubauinvestitionen werden gemieden – Modernisierung wird wieder wichtiger
Vor allem hier setzt die negative Prognose für den deutschen Markt und für Frankreich an: Der Infrastrukturbau und der Nichtwohnungsbau sollen auf beiden Märkten in den nächsten Jahren so manche Konjunkturdelle verursachen. Hemmend wirken hierzulande auch mehr und mehr die zunehmende Verteuerung der Baugrundstücke und die hohe Auslastung im Baugewerbe.

Auch die Investitionen im Neubau, dem europäische Boomsektor des vergangenen Jahrzehnts, sollen in den nächsten Jahren daher vorsichtiger ausfallen und eher für Maßnahmen im Gebäudebestand Platz machen. In diesen weniger mit Investitionsrisiken behafteten Bausektor weichen die gewerblichen Bauherren den Erwartungen gemäß zunehmend aus, wenn auch mit Vorsicht und Augenmaß.

Wohnungsbau hilft bei der Stabilisierung des europäischen Bauvolumens
Stabilisierend auf das Bauvolumen in Europa wirken aber nach wie vor die niedrigen Zinsen, die Kaufmacht der Haushalte, das (wenn auch geringe) Wirtschaftswachstum sowie die Umweltziele der Regierungen, die im Gebäudebereich künftig vermehrt mit Subventionen verbunden sein dürften – alles Faktoren also, die den Wohnungsbau stärken.

Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war
Nebenbei bemerkt, ist die Euroconstruct-Prognose noch vor Kurzem nahezu umgekehrt ausgefallen (der Wohnungsbau wurde auf das Altenteil verwiesen, während Infrastruktur- und Tiefbau zu Kernsektoren werden sollten). Wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen sich verändern, wandern eben leider auch die schönsten, aber noch unter anderen Voraussetzungen erstellten Prognosen unversehens in den Papierkorb.

 

Europäisches Bauvolumen 2016-2022 (jährliche Veränderungsraten in Prozent)*

* bezogen auf die 19 Euroconstruct-Mitgliedsländer
** Prognosen
Quelle: Euroconstruct, November 2019

Über Euroconstruct
Das Euroconstruct- Netzwerk umfasst 19 Wirtschaftsinstitute in Europa, die seit 1975 zweimal im Jahr Analysen der nationalen Baumärkte und Prognosen für die weitere Entwicklung abgeben. Mitgliedsländer sind Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, die Slowakei, Spanien, Schweden, die Schweiz und Tschechien.

Publiziert im Februar 2020